Artikel vom November 2007, Anzeiger aus dem Bezirk Affoltern

 

Kantonsrätinnen meinen..

Lärm schützen ist auch stille Arbeit

„Worin besteht eigentlich die parlamentarische Tätigkeit? Und wie muss ich mir diese Arbeit konkret vorstellen?“ Solche Fragen gefallen mir. Und am besten lassen sie sich mit einem aktuellen Beispiel aus unserer nächsten Umgebung beantworten, dem Lärmschutz entlang der A4: Flüsterbelag durchs Knonaueramt, ja oder nein?

Umweltfreundliche Autobahn
Die umweltfreundlichste Autobahn der Welt wurde vor 33 Jahren gebaut, gleich neben dem Schloss in Knonau. Bis zum heutigen Tag wurde sie nie befahren, sieht man von einigen exotischen Freizeitaktivitäten und beruflichen Weiterbildungskursen ab. Doch nun wird sie repariert und durchs ganze Knonaueramt verlängert, damit sie im Jahr 2010 zu einer richtigen Autobahn wird. Ob das gut oder schlecht ist, entscheiden Werthaltungen, eigene Gewohnheiten oder einfach die Lage des eigenen Wohnorts. Sicher ist nur, dass Lärm und Gestank niemandem Freude macht.

Flüsterbelag zur Lärmreduktion
Der verständliche Wunsch, den Lärmpegel einer Autobahn möglichst tief zu halten, stand im vergangenen Sommer hinter unserem parlamentarischen Vorstoss, die A4 mit einem Schall schluckenden Strassenbelag zu versehen. Schliesslich sollen neuste Erkenntnisse und Techniken auch Mensch und Tier zugute kommen. „Der Regierungsrat wird gebeten“, hiess es, „alle offenen Strassenstrecken der A4 zwischen Birmensdorf und der Kantonsgrenze Zug mit einem Flüsterbelag (offenporiger Asphaltbelag OPA) zu versehen, entsprechend den neusten Erkenntnissen des Bundes“. Die Regierung gibt der zuständigen Baudirektion den Auftrag, das Postulat zu prüfen und einen Bericht zu schreiben, um dann dem Kantonsrat einen Antrag für Annahme oder Ablehnung zu stellen. Bevor es zur Beschlussfassung des Kantonsrates kommt, werden Postulat und Antrag des Regierungsrats noch in der zuständigen Sachkommission behandelt.

Überzeugende Argumente sind wichtig
„Kein Flüsterbelag auf der A4“. So wird der Antrag des Regierungsrates im Anzeiger vom 13. November kommentiert. Dies könnte den Eindruck wecken, der Entscheid sei bereits gefällt. Doch ein Postulat wird erst abgeschrieben und zu den Akten gelegt, wenn der Rat dem Ablehnungsantrag zustimmt. Nun mögen die Argumente des Regierungsrats zwar angesichts der höheren Kosten einleuchten, aber chancenlos ist das Postulat deshalb nicht. Denn allzu viele ungeklärte Fragen stehen noch im Raum. Lassen sich die Immissionswerte der Lärmschutzverordnung tatsächlich einhalten? Beruhen diese Werte womöglich auf veralteten, noch nicht korrigierten Verkehrsmodellrechnungen? Trifft die Beurteilung der Lärmsituation tatsächlich zu? Um wie viel kürzer soll die Lebensdauer sein und wie viel mehr Unterhalt braucht ein Flüsterbelag konkret? Welche Folgen ergeben sich für die Umwelt? Sind alle bisher gemachten Erfahrungen in die Überlegungen eingeflossen?
Wer seine Anliegen in politischen Prozessen durchbringen will, braucht überzeugende Argumente. Er oder sie muss also belegen, dass die Vorteile eines Flüsterbelags überwiegen. Er muss die Ausführungen des Regierungsrats genau studieren, sachlich widerlegen und kämpfen. Dies alles verlangt aber saubere Vorarbeit und sorgfältige Überprüfung der eigenen Argumente. Man muss die Resultate und Erfahrungswerte anderer Kantone ermitteln und genau unter die Lupe nehmen. Und man muss Verbündete suchen, über alle Parteigrenzen hinweg. Schliesslich ist der Entscheid auch eine politische Frage. Was gilt mehr? Der Schutz der Bevölkerung oder das Geld? Was können und wollen wir uns leisten? Und welchen Stellenwert haben Verkehrssicherheit und Lebensqualität?

In den umliegenden Kantonen funktioniert es bestens
Von dem so genannten „Flüsterbelag“ haben wir in der Zeitung gelesen und in näheren Abklärungen erfahren, dass er auf Autobahnstrecken in den Kantonen Luzern, Aargau und Zug und auch im Limmattal bereits eingebaut ist. Und die gemachten Erfahrungen sind erfreulich. Allerdings fällt die Bilanz in den Kantonen Luzern und Zug viel besser aus als im Kanton Aargau. Das hat seinen Grund darin, dass offenporiger Belag in verschiedenen Qualitäten und Preislagen angeboten wird. Doch auch im Aargau besagt die Studie, dass Messungen die prognostizierte Wirkung der Belagssanierung bestätigten. Auch nach sechs Jahren überzeugen die Ergebnisse noch. Flüsterbeläge schlucken offenbar sehr viel Lärm. Bei einer Begegnung unterwegs zum Zugersee erfuhr ich selber, was das heisst: wir unterhielten uns schon eine ganze Weile, bis wir die Autobahn kaum 20m neben uns bemerkten. Eine befreundete Familie in Dietikon erzählte mir letzthin, dass sie den Fluglärm lange nicht hörten. Erst seit der Flüsterbelag auf der Autobahn eingebaut worden war, realisierten sie, wie viele Flugzeuge über ihre Köpfe hinweg brummten.

Lebensqualität trotz Autobahn
Möglichst ungestört leben. Das wollen wir alle. Aber aufs Auto verzichten, möchten wir trotzdem nicht. Lärm kann krank machen, das ist ebenso bekannt wie die Begrenztheit der finanziellen Mittel. Was tun? Lieber das Geld für Flüsterbeläge als für Lärmschutzwände und Schallschutzfenster verwenden? Weil es letztlich um unsere Gesundheit, um unsere Lebensqualität geht, sollten wir uns doch einfach für die beste Lösung entscheiden. Den Lärm möglichst dort reduzieren, wo er entsteht, auf der Strasse. Wo direkt neben der Autobahn auch gewohnt wird, braucht es noch Lärmschutzwände. So wie in Knonau. Hoffen wir einfach, dass die sechs Meter hohen Mauern den Bahnlärm nicht verstärken oder den Strassenlärm gegen das Bergli lenken. Schön wäre es auch, wenn wir nach der Eröffnung der A4 noch immer durchs Säuliamt wandern könnten, ohne von einer Lärmwolke begleitet zu werden.

Worin besteht die parlamentarische Tätigkeit, wird im Staatskundeunterricht gefragt. Meine Antwort lautet: Lösungen zu erarbeiten, auf die wir und auch unsere Kinder noch stolz sind. Und für diese Lösungen zu kämpfen.


27. November 2007

Lisette Müller-Jaag Kantonsrätin EVP, Knonau

 
  14-Feb-2011 aktualisiert